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Berliner Zeitung Seite 3

Dienstag, 11. Mai 2004

Jeremiahs letzte Worte

Ein Engländer lässt sich in Deutschland mit einer Sekte ein. Mitten in der Nacht ruft er seine Mutter an. Die Verbindung bricht ab. Dann ist der Junge tot

Frank Nordhausen

LONDON/WIESBADEN, im Mai. Erica Duggan hat keine Zeit, ihr Haus im Norden Londons aufzuräumen, all diese Stapel von Papieren und Zeitungen. Nur in dem kleinen Büro unter dem Dach, von dem aus sie ihre Ermittlungen führt, hat sie die Dokumente geordnet, die wichtigsten Akten in den Regalen aufgereiht. "Manchmal schlafe ich nur fünf Stunden, so viel ist zu tun", sagt die 58-jährige Frau. Ihr ist ein Unglück widerfahren, das inzwischen ganz Großbritannien bewegt.

Es war am 27. März des vergangenen Jahres, als Erica Duggan nicht schlafen konnte. Sie stand auf, ging in die Küche und setzte sich an den Tisch vor das Telefon. Saß einfach da. "So etwas hatte ich noch nie getan", sagt sie. Später hat sie gedacht, dass nichts in dieser Nacht zufällig geschah. 24 Minuten nach vier klingelte das Telefon. Erica Duggan erschrak. Es war Jeremiah, ihr 22 Jahre alter Sohn. "Ich bin in großen Schwierigkeiten, bitte hilf mir", sagte Jeremiah. "Wo bist du denn?" fragte sie. "In Wies..." Dann brach das Gespräch ab.

Erica Duggan hat damals getan, was ihr möglich war. Hat die Polizei alarmiert und ihren Ex-Ehemann. Dann rief sie Jeremiahs französische Freundin Maya in Paris an, wo ihr Sohn seit einem Jahr studierte. Auch Maya war besorgt. Sie hatte in der Nacht ebenfalls einen Anruf von Jeremiah erhalten: "Ich weiß nicht mehr, was Wahrheit und was Lüge ist." Dann hatte er gesagt: "Ich liebe dich. Morgen nehme ich den Zug zurück nach Paris." Maya wusste, dass er nach Deutschland gefahren war, zu einer Konferenz über Krieg und Imperialismus. Es war kurz vor dem Irak-Krieg, er wollte sich dagegen engagieren. "Er ist in Wiesbaden", sagte Maya. "Aber ich kann ihn nicht erreichen."

Am Nachmittag um halb fünf kamen zwei Polizisten zu Erica Duggans Haus im jüdischen Londoner Stadtteil Golders Green und sagten ihr, dass ihr Sohn tot sei. Er habe auf einer Straße bei Wiesbaden Selbstmord verübt. "Selbstmord?", fragte sie ungläubig. "In Deutschland?" Als sie davon erzählt, gewinnt sie nur mühsam die Fassung zurück. Sie berichtet, wie sie nach Wiesbaden flog. Wie alles, was sie dort erfuhr, rätselhaft blieb. "Ich wusste nicht, was und wem ich glauben sollte."

Drei Zeugen, so die Polizei, hatten morgens um sechs Uhr erlebt, wie Jeremiah auf der Schnellstraße beim Vorort Erbenheim vor ihr Auto rannte, sie konnten noch ausweichen. Dann erfasste ein Wagen Jeremiah, ein weiterer überrollte ihn. Auf dem Polizeirevier machte man die Mutter mit einem Mann und einer Frau um die fünfzig bekannt, die behaupteten, sie hätten Jeremiah auf der Konferenz unterrichtet. "Ich hatte radikale Aktivisten erwartet, aber diese Leute wirkten absolut bürgerlich", sagt Erica Duggan.

Die beiden Deutschen sagten, Jeremiah habe zusammen mit weiteren jungen Kongressbesuchern bei einem Freund in Wiesbaden übernachtet, aber in dieser Nacht nicht schlafen können. Er habe sich gegen vier Uhr morgens ein Handy geliehen um zu telefonieren. Schließlich sei er aus dem Haus gerannt und nicht zurückgekommen.

Was hatte all das zu bedeuten? Warum rannte Jeremiah kurz darauf sechs Kilometer entfernt vor mehrere Autos? Warum war der Freund, der Jeremiah beherbergt hatte, nicht zu sprechen? Warum erklärte die deutsche Polizei den Fall für abgeschlossen. "Ich wusste: Jeremiah hat niemals Selbstmord verübt!" sagt Erica Duggan. Wie sie dachten die meisten der dreihundert Trauernden, die sich in London zum Begräbnis nach jüdischem Brauch versammelten. "Jerry war der lebensfrohste Mensch, den man sich nur vorstellen kann", sagt ein Freund. Auf den Fotos, die Erica Duggan in ihrem Büro aufgestellt hat, lacht er meist. Er habe nie psychische Probleme gehabt oder gar an Selbstmord gedacht, sagt sie.

Ein britischer Untersuchungsrichter ließ eine Autopsie durchführen, es wurden weder Alkohol noch Drogen in Jeremiahs Blut nachgewiesen. In ihrer Verzweiflung begann Erica Duggan, auf eigene Faust zu ermitteln. Den entscheidenden Hinweis bekam sie, als sie in Jeremiahs Taschen Schriften eines Schiller-Instituts, einer Gruppe namens Nouvelle Solidarité und einer Bürgerrechtsbewegung Solidarität fand. Als sie im Internet bei einem Sektenexperten anfragte, kam jene Antwort, die Erica Duggan seither nicht mehr ruhen lässt: "Äußerste Vorsicht!"

Nun erfuhr sie, dass ihr Sohn mit einer der umstrittensten Psycho-Sekten der Welt in Berührung gekommen war, der antisemitischen Bewegung des 80-jährigen, extrem rechten Amerikaners Lyndon LaRouche, der wegen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten fünf Jahre im Gefängnis saß und gegenwärtig als unabhängiger Präsidentschaftskandidat gegen George W. Bush antritt. LaRouche führt weltweit einige tausend Mitglieder. Er behauptet, jüdische Geheimbünde kontrollierten die Welt, er propagiert Atomkraftwerke und Reisen zum Mars.

Je intensiver Erica Duggan recherchierte, desto mehr fühlte sie sich in einen Thriller versetzt. Zuerst fand sie die Namen der angeblichen Freunde Jeremiahs aus Wiesbaden im Internet; sie waren Funktionäre der LaRouche-Bewegung. Dann stellte sie fest, dass Lyndon LaRouche persönlich auf jener Konferenz gesprochen hatte. Er hatte die Schuld am Irak-Krieg den Juden zugeschrieben.


Um die Fortsetzung des Artikels »Jeremiahs letzte Worte« zu lesen, klicken Sie bitte hier.


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