Frank Nordhausen
LONDON/WIESBADEN, im Mai. Erica Duggan hat keine Zeit, ihr Haus
im Norden Londons aufzuräumen, all diese Stapel von Papieren und
Zeitungen. Nur in dem kleinen Büro unter dem Dach, von dem aus sie
ihre Ermittlungen führt, hat sie die Dokumente geordnet, die
wichtigsten Akten in den Regalen aufgereiht. "Manchmal schlafe ich
nur fünf Stunden, so viel ist zu tun", sagt die 58-jährige Frau. Ihr
ist ein Unglück widerfahren, das inzwischen ganz Großbritannien
bewegt.
Es war am 27. März des vergangenen Jahres, als Erica Duggan nicht
schlafen konnte. Sie stand auf, ging in die Küche und setzte sich an
den Tisch vor das Telefon. Saß einfach da. "So etwas hatte ich noch
nie getan", sagt sie. Später hat sie gedacht, dass nichts in dieser
Nacht zufällig geschah. 24 Minuten nach vier klingelte das Telefon.
Erica Duggan erschrak. Es war Jeremiah, ihr 22 Jahre alter Sohn.
"Ich bin in großen Schwierigkeiten, bitte hilf mir", sagte Jeremiah.
"Wo bist du denn?" fragte sie. "In Wies..." Dann brach das Gespräch
ab.
Erica Duggan hat damals getan, was ihr möglich war. Hat die
Polizei alarmiert und ihren Ex-Ehemann. Dann rief sie Jeremiahs
französische Freundin Maya in Paris an, wo ihr Sohn seit einem Jahr
studierte. Auch Maya war besorgt. Sie hatte in der Nacht ebenfalls
einen Anruf von Jeremiah erhalten: "Ich weiß nicht mehr, was
Wahrheit und was Lüge ist." Dann hatte er gesagt: "Ich liebe dich.
Morgen nehme ich den Zug zurück nach Paris." Maya wusste, dass er
nach Deutschland gefahren war, zu einer Konferenz über Krieg und
Imperialismus. Es war kurz vor dem Irak-Krieg, er wollte sich
dagegen engagieren. "Er ist in Wiesbaden", sagte Maya. "Aber ich
kann ihn nicht erreichen."
Am Nachmittag um halb fünf kamen zwei Polizisten zu Erica Duggans
Haus im jüdischen Londoner Stadtteil Golders Green und sagten ihr,
dass ihr Sohn tot sei. Er habe auf einer Straße bei Wiesbaden
Selbstmord verübt. "Selbstmord?", fragte sie ungläubig. "In
Deutschland?" Als sie davon erzählt, gewinnt sie nur mühsam die
Fassung zurück. Sie berichtet, wie sie nach Wiesbaden flog. Wie
alles, was sie dort erfuhr, rätselhaft blieb. "Ich wusste nicht, was
und wem ich glauben sollte."
Drei Zeugen, so die Polizei, hatten morgens um sechs Uhr erlebt,
wie Jeremiah auf der Schnellstraße beim Vorort Erbenheim vor ihr
Auto rannte, sie konnten noch ausweichen. Dann erfasste ein Wagen
Jeremiah, ein weiterer überrollte ihn. Auf dem Polizeirevier machte
man die Mutter mit einem Mann und einer Frau um die fünfzig bekannt,
die behaupteten, sie hätten Jeremiah auf der Konferenz unterrichtet.
"Ich hatte radikale Aktivisten erwartet, aber diese Leute wirkten
absolut bürgerlich", sagt Erica Duggan.
Die beiden Deutschen sagten, Jeremiah habe zusammen mit weiteren
jungen Kongressbesuchern bei einem Freund in Wiesbaden übernachtet,
aber in dieser Nacht nicht schlafen können. Er habe sich gegen vier
Uhr morgens ein Handy geliehen um zu telefonieren. Schließlich sei
er aus dem Haus gerannt und nicht zurückgekommen.
Was hatte all das zu bedeuten? Warum rannte Jeremiah kurz darauf
sechs Kilometer entfernt vor mehrere Autos? Warum war der Freund,
der Jeremiah beherbergt hatte, nicht zu sprechen? Warum erklärte die
deutsche Polizei den Fall für abgeschlossen. "Ich wusste: Jeremiah
hat niemals Selbstmord verübt!" sagt Erica Duggan. Wie sie dachten
die meisten der dreihundert Trauernden, die sich in London zum
Begräbnis nach jüdischem Brauch versammelten. "Jerry war der
lebensfrohste Mensch, den man sich nur vorstellen kann", sagt ein
Freund. Auf den Fotos, die Erica Duggan in ihrem Büro aufgestellt
hat, lacht er meist. Er habe nie psychische Probleme gehabt oder gar
an Selbstmord gedacht, sagt sie.
Ein britischer Untersuchungsrichter ließ eine Autopsie
durchführen, es wurden weder Alkohol noch Drogen in Jeremiahs Blut
nachgewiesen. In ihrer Verzweiflung begann Erica Duggan, auf eigene
Faust zu ermitteln. Den entscheidenden Hinweis bekam sie, als sie in
Jeremiahs Taschen Schriften eines Schiller-Instituts, einer Gruppe
namens Nouvelle Solidarité und einer Bürgerrechtsbewegung
Solidarität fand. Als sie im Internet bei einem Sektenexperten
anfragte, kam jene Antwort, die Erica Duggan seither nicht mehr
ruhen lässt: "Äußerste Vorsicht!"
Nun erfuhr sie, dass ihr Sohn mit einer der umstrittensten
Psycho-Sekten der Welt in Berührung gekommen war, der
antisemitischen Bewegung des 80-jährigen, extrem rechten Amerikaners
Lyndon LaRouche, der wegen Verschwörung gegen die Vereinigten
Staaten fünf Jahre im Gefängnis saß und gegenwärtig als unabhängiger
Präsidentschaftskandidat gegen George W. Bush antritt. LaRouche
führt weltweit einige tausend Mitglieder. Er behauptet, jüdische
Geheimbünde kontrollierten die Welt, er propagiert Atomkraftwerke
und Reisen zum Mars.
Je intensiver Erica Duggan recherchierte, desto mehr fühlte sie
sich in einen Thriller versetzt. Zuerst fand sie die Namen der
angeblichen Freunde Jeremiahs aus Wiesbaden im Internet; sie waren
Funktionäre der LaRouche-Bewegung. Dann stellte sie fest, dass
Lyndon LaRouche persönlich auf jener Konferenz gesprochen hatte. Er
hatte die Schuld am Irak-Krieg den Juden zugeschrieben.
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