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Berliner Zeitung Seite 3

Dienstag, 11. Mai 2004

Jeremiahs letzte Worte

Ein Engländer lässt sich in Deutschland mit einer Sekte ein. Mitten in der Nacht ruft er seine Mutter an. Die Verbindung bricht ab. Dann ist der Junge tot

Frank Nordhausen

(Fortsetzung des Artikels - Teil 2 von 2)

"Jeremiah muss entsetzt gewesen sein, als er das feststellte, denn er hatte nie zuvor Antisemitismus selbst erlebt", sagt Erica Duggan. "Ich dachte daran, dass mein Vater 1933 aus Berlin fliehen musste und viele Verwandte ermordet wurden. Und ich fragte mich, warum die deutschen Behörden einen verdächtigen Todesfall nicht untersuchten." Sie wandte sich an die britische Presse. Eine Albtraum-Story: Ein junger Engländer ruft seine Mutter aus Deutschland an, bittet um Hilfe, zwei Stunden später ist er tot, und Rechtsradikale spielen auch eine Rolle. Dutzende von Reportern machten sich auf Spurensuche. Doch niemand konnte bisher klären, was genau Jeremiah widerfahren ist. Erica Duggan aber hat inzwischen so viel Material gesammelt, dass sich die letzten Tage ihres Sohnes immerhin grob rekonstruieren lassen.

Es war im Januar 2003, als Jeremiah Duggan vor dem British Institute in Paris, wo er studierte, mit einem gewissen Benoit ins Gespräch kam, der dort wie immer einen Stand mit Schriften der La-Rouche-Gruppe Nouvelle Solidarité unterhielt. Jeremiah freundete sich mit Benoit an, der ihn zu Seminaren einlud und ihm bald häufig E-mails schickte: "Hallo Jeremiah, anbei Informationen über den Irak-Krieg aus unserer Zeitschrift."

Es ist offensichtlich, dass sich Jeremiah bereits in Paris tief greifend veränderte. Als Benoit ihm nach sechs Wochen riet, doch mit seiner Freundin Maya Schluss zu machen, folgte Jeremiah dieser Bitte. Er sagte ihr, es sei besser, sich zu trennen. Maya fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Nach drei Tagen kehrte Jeremiah zwar zu ihr zurück, weil er die Trennung nicht aushielt. Aber er hing weiter an Benoit. Und war sehr interessiert, als Benoit ihn zu jener Konferenz in Wiesbaden einlud.

Gemeinsam mit einigen anderen Franzosen fuhr Jeremiah Duggan nach Deutschland. Doch nach drei Tagen, die Konferenz war längst zu Ende, blieb er dort, versäumte eine Prüfung und vergaß sogar Mayas Geburtstag. Später fand Erica Duggan heraus, dass ihr Sohn mit fünfzig Anderen an den Sitzungen einer "Schule der Militanten" teilgenommen und LaRouche-Flugblätter in Frankfurt verteilt hatte.

"Man verliert die Kontrolle über sein Leben", sagt die frühere LaRouche-Anhängerin Aglaja Beyes-Corleis aus Wiesbaden, die die Organisation eine "gefährliche Politsekte" nennt und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben hat. "Was mit Jeremiah geschah, erinnert mich an das, was ich selbst erlebt habe: Alle Beziehungen werden auseinander gebrochen und dann alle Lebensbereiche im Sinn LaRouches neu definiert." Am Telefon räumt ein LaRouche-Jünger aus Wiesbaden ein, dass es auf der Konferenz darum ging, junge Leute zu rekrutieren. "Duggan wollte sich uns anschließen, sonst wäre er ja nicht zur Konferenz gekommen", sagt Helmut Böttiger, der den LaRouche-Verlag Neue Solidarität führt. "Es war dann eine Entscheidungssituation: Mach mit, oder mach nicht mit."

Sicher ist, dass angebliche jüdische Weltverschwörungen in den Wiesbadener Psycho-Sitzungen eine Rolle spielten, ebenso wie Jeremiahs jüdische Herkunft, auf die er stolz war. Einer der Kongressteilnehmer sagte später, dass Jeremiah ihm in dieser Nacht anvertraute, er fühle sich in Wiesbaden wie ein Gefangener: "Können wir LaRouche trauen? Was hat er mit uns vor?" Als habe Jeremiah begriffen, dass er manipuliert wurde und deshalb in Panik geraten sei. Das passt zur Aussage eines Autofahrers, der Jeremiah an jenem Morgen noch ausweichen konnte: "Der junge Mann kam mit erhobenen Armen auf mich zu, er wirkte wie von Sinnen."

Wollte Jeremiah Duggan aus Wiesbaden fliehen? Wieso starb er ausgerechnet in Wiesbaden-Erbenheim, wo die LaRouche-Organisation ihr europäisches Hauptquartier hat? Wie ist es möglich, fragt Erica Duggan, dass diese Gruppe in Deutschland ungestört agieren darf? "Die Ermittlungen haben zu dem Ergebnis geführt, dass keine strafrechtlich relevanten Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden vorliegen", sagt der Wiesbadener Oberstaatsanwalt Dieter Arlet. Deshalb sei niemand aus dem LaRouche-Umfeld vernommen worden.

Ein britischer Untersuchungsrichter hat dagegen im November entschieden, dass es sich nicht um einen Selbstmord handele, weil kein Motiv dafür erkennbar sei. Im April wurde Erica Duggan von der Ministerin im Londoner Auswärtigen Amt, Baroness Symons, empfangen. Zwei Stunden dauerte das Gespräch. Danach ist sie im Jubilee Room des britischen Parlaments vor die Presse getreten. "Die Ministerin hat uns Hilfe zugesichert", hat Erica Duggan gesagt. Der Fall ist in der Politik angekommen.

Jeremiahs Mutter hofft nun, dass die Ermittlungen in Deutschland wieder aufgenommen werden.

Zurück zum ersten Teil.


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