Jeremiah Duggan
Der verlorene Sohn
Vor vier Jahren starb Jeremiah Duggan unter
mysteriösen Umständen in Wiesbaden. Seine Mutter sucht noch immer
nach der Wahrheit.
Von Louise Brown und Christoph
Albrecht-Heider

Erica Duggan kann jenen Morgen nicht vergessen. Noch
immer sieht sie die Uhr vor sich. Sie zeigt 4.24 Uhr. An jenem
Morgen sitzt Erica Duggan im Nachthemd in der Küche ihres Hauses im
Londoner Stadtteil Golder’s Green. Ihr Sohn Jeremiah ist am Telefon.
Er ruft aus Wiesbaden an; seine Mutter wähnt ihn in Paris, wo er
studiert.
"Ich stecke in tiefen Schwierigkeiten", sagt er zu
seiner Mutter. Eine gute halbe Stunde später ist Jeremiah Duggan,
22, tot, überfahren auf einer Ausfallstraße der hessischen
Landeshauptstadt. Vier Jahre ist das jetzt her, aber seit jenem
27.März 2003 lebt die Mutter nur für ein Ziel: Sie will erfahren,
was an dem dunklen Morgen in Wiesbaden wirklich geschehen
ist.
Diese Geschichte handelt von der Suche nach einer
Wahrheit. Die Mutmaßungen reichen von der Behauptung, Jeremiah sei
von einer Sekte ermordet worden bis zum Ermittlungsergebnis der
Wiesbadener Staatsanwaltschaft, das da lautet: Selbstmord.
Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch in einer psychologischen und
juristischen Grauzone zwischen diesen beiden Polen.
Um zu
verstehen, warum das Simon-Wiesenthal-Institut sich wegen dieses
Falles an die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries gewendet hat,
warum britische Abgeordnete aller Fraktionen eine Debatte des Falles
im Unterhaus fordern, muss man wissen, warum Jeremiah Duggan
überhaupt in Wiesbaden war.
Duggan, Französisch-Student an
der Sorbonne, hatte von einer Anti-Irak-Konferenz in Wiesbaden
erfahren, die das dortige Schiller-Institut veranstaltete, ein
Ableger der berüchtigten Lyndon-LaRouche-Bewegung. Der US-Amerikaner
Lyndon LaRouche, 85, saß in den USA wegen Verschwörung fünf Jahre im
Gefängnis.
Die Londoner Polizei nennt das LaRouche-Netzwerk
einen "einen gefährlichen, politischen Kult". Die Thesen der Sekte
sind eine krude Mischung aus linken und rechten Positionen, gewürzt
mit vielen Verschwörungsvermutungen. Zuletzt hat sich Sekte dazu
verstiegen, den globalen Klimawandel einen "Schwindel" zu nennen.
Statthalterin in Deutschland ist Helga Zepp-LaRouche, die
Frau des Patriarchen. Seit gut 30 Jahren kandidiert sie immer mal
wieder für diverse Parlamente, die Organisation wechselt ab und zu
den Namen, mal hieß sie Europäische Arbeiterpartei, jetzt nennt sie
sich Bürgerrechtsbewegung Solidarität. Zepp-LaRouche leitet auch das
Schiller-Institut, das jeden Zusammenhang mit dem Tod Jeremiah
Duggans bestreitet.
In den internen Unterlagen der Londoner
Polizei zum Fall Duggan heißt es: "Das Schiller-Institut und die
LaRouche-Jugendbewegung geben dem jüdischen Volk die Schuld am
Irak-Krieg und alle anderen Probleme in der Welt. Jeremiahs Notizen
von den Vorträgen zeigen den antisemitischen Charakter der
Ideologie." Jeremiah Duggan war Jude, Sohn eines Iren und seiner
jüdischen Mutter, deren Vater 1933 aus Berlin über Südafrika nach
England floh.
Der Berliner Rechtsanwalt Nicolas Becker
vertritt seit zwei Jahren die Interessen Erica Duggans in
Deutschland. Er ist der insgesamt vierte deutsche Anwalt Duggans,
mit dem es die Wiesbadener Staatsanwaltschaft bisher zu tun bekommen
hat.
Becker war bei Duggan in London, er war in Frankreich,
um Zeugen zu befragen, er war bei dem Gespräch zwischen Duggan, dem
britischen Generalkonsul und der Wiesbadener Staatsanwaltschaft vor
zwei Jahren dabei und er hat den mehrere hundert Seiten umfassenden
Antrag formuliert, in dem er die Wiederaufnahme der Ermittlungen
fordert.
Becker sagt: "Die Staatsanwaltschaft hat
außerordentlich oberflächlich untersucht" und sei jetzt "mit der
Rationalisierung" jener Mängel beschäftigt. Becker ist weit davon
entfernt, eine These zum Tathergang zu formulieren, er möchte die
Frage geklärt wissen: Was ist in den letzten Stunden vor der Tat
passiert?
Das weiß auch Hartmut Ferse, 58, nicht. Der
Sprecher der Wiesbadener Staatsanwaltschaft hat sich für das
Gespräch noch einmal die verschiedenen Stationen ausgedruckt, die
dieser Fall seit dem 27. März 2003 durchlaufen hat. Ferse, seit zwei
Jahren Sprecher der Staatsanwaltschaft und zuvor unter anderem
Direktor des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, will
genau sein, wenngleich er den Casus Duggan besser kennt als jeden
anderen, muss er doch regelmäßig darüber Auskunft geben.
Vor
allem rufen Journalisten aus Großbritannien an, denn auf der Insel
verfolgen Zeitungen wie Independent und Guardian kontinuierlich die
Bemühungen von Erica Duggan, den Tod ihres Sohnes neu untersuchen zu
lassen.
Die Wiesbadener Behörde kommt in der
Berichterstattung schlecht weg. Oberstaatsanwalt Ferse zieht die
Verteidigungslinie eng. Die Quintessenz jenes 27. März 2003 sei:
"Jeremiah Duggan läuft lebend in die Fahrbahn und ist anschließend
tot." Hinweise auf "Fremdverschulden" habe es nicht gegeben. Also
schloss Wiesbaden die Akten.
Man kann im Gespräch mit Ferse
den Eindruck gewinnen, dass der Behörde das schnelle Wort vom
"Selbstmord" nicht mehr so recht ist, wissend, welchen Schmerz es
bei der Mutter auslöste, und wissend, dass die Ermittler ihrerseits
auf den "Selbstmord" nur schlossen, ohne ihn beweisen zu
können.
Warum Jeremiah Duggan morgens kurz nach 6 Uhr (MESZ)
auf die Fahrbahn der Bundesstraßestraße 445 lief, auf der Autos mit
etwa 100 km/h unterwegs waren, weiß auch Ferse nicht. Und er findet
es "menschlich verständlich", dass der Mutter die Auskunft,
Fremdverschulden liege nicht vor, nicht reicht.
Die Frage
liegt ja nahe: Bringt sich ein junger englischer Student, der in
Paris lebt, in Wiesbaden um, in dem er mit erhobenen Armen in den
fließenden Verkehr läuft? Unwahrscheinlich. Was also hat dazu
geführt, dass Duggan auf dem Autobahnzubringer von einem Auto
angefahren und von einem anderen überrollt wurde?
Anwalt
Becker möchte, dass diese Frage geklärt wird, "abseits aller
Verschwörungstheorien verdient der Fall eine intensive
Untersuchung". Menschen hätten ein Anspruch darauf, Todesumstände
analysieren zu lassen. Darauf basiert seine Verfassungsbeschwerde,
die in Karlsruhe vorliegt.
Sie ist die vorläufig letzte
Etappe einer Reihe juristischer Entscheidungen, die sich im
Schnelldurchlauf so lesen: Im Juni 2003 stellt die
Staatsanwaltschaft Wiesbaden die Ermittlungen ein. Im November 2003
legt der britische Untersuchungsrichter seinen Abschlussbericht vor:
Jeremiah habe tödliche Verletzungen erlitten, als er auf die
Fahrbahn rannte. Er habe sich dabei in einem Zustand panischer Angst
befunden.
Im Februar 2005 beantragt Anwalt Becker die
Wiederaufnahme der Ermittlungen. Im März 2005 lehnt die
Staatsanwaltschaft den Antrag ab. Im Mai 2005 lehnt der hessische
Generalstaatsanwalt eine Beschwerde dagegen ab. Im Juli 2006
verwirft das Oberlandesgericht Frankfurt eine Beschwerde gegen
diesen Bescheid.
Die Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts steht noch aus. Soweit die "deutsche"
juristische Seite des Falles bis heute. Sie ist zwar eine Abfolge
von Niederlagen für Jeremiahs Mutter, die trotzdem nicht locker
lässt.
Die ehemalige Lehrerin Erica Duggan hat ein Zimmer
ihres Hauses im Norden Londons als Ort der Recherche und der
Erinnerung ausgestattet. Dort arbeitet sie, umgeben von Akten- und
Ordnerbergen und Büchern, die sich vor allem mit dem
LaRouche-Netzwerk beschäftigen. Duggan, ein großes Foto ihres Sohnes
in Blicknähe, sitzt am Computer, formuliert Petitionen, schreibt
Emails, forscht im Internet. Die Wahrheit über den Tod Jeremiahs
herauszufinden, "ist ihr Lebensinhalt" geworden, sagt Anwalt Becker.
Mit Anschuldigungen hält sich Erica Duggan mittlerweile
zurück. Sie will Jeremiahs jüdische Herkunft nicht in den
Mittelpunkt stellen. Sie sagta nur, was sie vermutet, nämlich, dass
Jeremiah damals auf dem Seminar des Schiller-Instituts mit seiner
Offenbarung, er sei Jude, eine Gefahr für die LaRouche-Parteigänger
in Wiesbaden darstellte. Der alte LaRouche selber hatte dort auf der
Tagung einen Vortrag gehalten. "Ich glaube, dass die Gruppe Jeremiah
als eine Sicherheitsbedrohung, als eine Art Spion sah. Vor allem
aber glaube ich nicht, dass Jeremiah sich hat umbringen wollen."
Erica Duggan hat einen Verdacht, aber vor allem hat sie
viele Fragen. Auf eigene Faust und mit eigenem Geld hat sie in den
vergangenen vier Jahren recherchiert und auf einer Pressekonferenz
in London neue Indizien vorgelegt. Wie kommt es, fragt die Mutter,
dass auf dem Pass Jeremiahs sein Blut war, dem Pass, den eine
Mitarbeiterin des Schiller-Instituts nach Jeremiahs Tod der
Wiesbadener Polizei aushändigte? Im Auftrag Duggans haben
unabhängige Pathologen und Kriminaltechniker die Fotos aus
Deutschland vom Unfallort und der Leiche Jeremiah Duggans geprüft.
Die Experten kommen zu dem Ergebnis: An den Unfallautos
finden sich weder Blut- noch Kleidungsspuren. Die Verletzungen an
Jeremiahs Kopf und Armen seien typisch für jemand, der sich gegen
Schläge wehrt; von einem Auto könnten diese Wunden nicht
stammen.
Oberstaatsanwalt Ferse findet die Basis der
Behauptungen "etwas dünn". Das Datenmaterial seien ausschließlich
die von seiner Behörde den britischen Forensikern zur Verfügung
gestellten Bilder. Im Detail aber kann Ferse zu den Thesen, die ja
schweren Vorwürfen gleichkommen, nichts sagen. Der Wiesbadener
Staatsanwaltschaft liegen die von Erica Duggan gesammelten Indizien,
über die in Großbritannien ausführlich berichtet wird, nicht vor.
Mitte dieser Woche hat Erica Duggan ihre neuen Unterlagen an
den Attorney General Lord Goldsmith übergeben, den höchsten
Rechtsberater der britischen Regierung. Sie bittet ihn, sich, auch
bei der Wiesbadener Staatsanwaltschaft, für eine neue Untersuchung
der Todesumstände ihres Sohnes einzusetzen.
Einige
Unterhaus-Abgeordnete unterstützen Duggan in diesem Vorgehen und
wollen zum gleichen Zweck eine Parlamentsdebatte beantragen. "Es
geht mir nicht darum, diese oder jene Behörde zu kritisieren", sagt
Erica Duggan. Wenn in einer umfassenden Untersuchung festgestellt
würde, ihr Sohn habe sich umgebracht, dann "werde ich das
akzeptieren."
Die juristische Auseinandersetzung kann sich
zwar noch länger hinziehen, ein Gang vor den Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte eingeschlossen. Aber vielleicht ist
der neuerliche Vorstoß von Erica Duggan der letzte mit einem großen
Widerhall in der Öffentlichkeit.
Sollte der Fall noch einmal
aufgerollt werden, wird er für Erica Duggan nicht einem
Schlussstrich enden. Ihr geht jener Morgen in ihrer Küche nicht aus
dem Kopf, die Erinnerung an das letzte Lebenszeichen von Jeremiah,
an den Anruf aus Wiesbaden um 4.24 Uhr. "Seine Stimme am Telefon
klang ängstlich, er fühlte sich bedroht", wiederholt Erica Duggan,
"er klang nicht wie jemand, der sterben wollte."
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2007 Dokument erstellt am 15.05.2007 um 13:47:35 Uhr Letzte
Änderung am 15.05.2007 um 22:18:44 Uhr Erscheinungsdatum
16.05.2007  |