18. Mai 2007

Politik


Jeremiah Duggan
Der verlorene Sohn
Vor vier Jahren starb Jeremiah Duggan unter mysteriösen Umständen in Wiesbaden. Seine Mutter sucht noch immer nach der Wahrheit.
Von Louise Brown und Christoph Albrecht-Heider

Erica Duggan kann jenen Morgen nicht vergessen. Noch immer sieht sie die Uhr vor sich. Sie zeigt 4.24 Uhr. An jenem Morgen sitzt Erica Duggan im Nachthemd in der Küche ihres Hauses im Londoner Stadtteil Golder’s Green. Ihr Sohn Jeremiah ist am Telefon. Er ruft aus Wiesbaden an; seine Mutter wähnt ihn in Paris, wo er studiert.

"Ich stecke in tiefen Schwierigkeiten", sagt er zu seiner Mutter. Eine gute halbe Stunde später ist Jeremiah Duggan, 22, tot, überfahren auf einer Ausfallstraße der hessischen Landeshauptstadt. Vier Jahre ist das jetzt her, aber seit jenem 27.März 2003 lebt die Mutter nur für ein Ziel: Sie will erfahren, was an dem dunklen Morgen in Wiesbaden wirklich geschehen ist.

Diese Geschichte handelt von der Suche nach einer Wahrheit. Die Mutmaßungen reichen von der Behauptung, Jeremiah sei von einer Sekte ermordet worden bis zum Ermittlungsergebnis der Wiesbadener Staatsanwaltschaft, das da lautet: Selbstmord. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch in einer psychologischen und juristischen Grauzone zwischen diesen beiden Polen.

Um zu verstehen, warum das Simon-Wiesenthal-Institut sich wegen dieses Falles an die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries gewendet hat, warum britische Abgeordnete aller Fraktionen eine Debatte des Falles im Unterhaus fordern, muss man wissen, warum Jeremiah Duggan überhaupt in Wiesbaden war.

Duggan, Französisch-Student an der Sorbonne, hatte von einer Anti-Irak-Konferenz in Wiesbaden erfahren, die das dortige Schiller-Institut veranstaltete, ein Ableger der berüchtigten Lyndon-LaRouche-Bewegung. Der US-Amerikaner Lyndon LaRouche, 85, saß in den USA wegen Verschwörung fünf Jahre im Gefängnis.

Die Londoner Polizei nennt das LaRouche-Netzwerk einen "einen gefährlichen, politischen Kult". Die Thesen der Sekte sind eine krude Mischung aus linken und rechten Positionen, gewürzt mit vielen Verschwörungsvermutungen. Zuletzt hat sich Sekte dazu verstiegen, den globalen Klimawandel einen "Schwindel" zu nennen.

Statthalterin in Deutschland ist Helga Zepp-LaRouche, die Frau des Patriarchen. Seit gut 30 Jahren kandidiert sie immer mal wieder für diverse Parlamente, die Organisation wechselt ab und zu den Namen, mal hieß sie Europäische Arbeiterpartei, jetzt nennt sie sich Bürgerrechtsbewegung Solidarität. Zepp-LaRouche leitet auch das Schiller-Institut, das jeden Zusammenhang mit dem Tod Jeremiah Duggans bestreitet.

In den internen Unterlagen der Londoner Polizei zum Fall Duggan heißt es: "Das Schiller-Institut und die LaRouche-Jugendbewegung geben dem jüdischen Volk die Schuld am Irak-Krieg und alle anderen Probleme in der Welt. Jeremiahs Notizen von den Vorträgen zeigen den antisemitischen Charakter der Ideologie." Jeremiah Duggan war Jude, Sohn eines Iren und seiner jüdischen Mutter, deren Vater 1933 aus Berlin über Südafrika nach England floh.

Der Berliner Rechtsanwalt Nicolas Becker vertritt seit zwei Jahren die Interessen Erica Duggans in Deutschland. Er ist der insgesamt vierte deutsche Anwalt Duggans, mit dem es die Wiesbadener Staatsanwaltschaft bisher zu tun bekommen hat.

Becker war bei Duggan in London, er war in Frankreich, um Zeugen zu befragen, er war bei dem Gespräch zwischen Duggan, dem britischen Generalkonsul und der Wiesbadener Staatsanwaltschaft vor zwei Jahren dabei und er hat den mehrere hundert Seiten umfassenden Antrag formuliert, in dem er die Wiederaufnahme der Ermittlungen fordert.

Becker sagt: "Die Staatsanwaltschaft hat außerordentlich oberflächlich untersucht" und sei jetzt "mit der Rationalisierung" jener Mängel beschäftigt. Becker ist weit davon entfernt, eine These zum Tathergang zu formulieren, er möchte die Frage geklärt wissen: Was ist in den letzten Stunden vor der Tat passiert?

Das weiß auch Hartmut Ferse, 58, nicht. Der Sprecher der Wiesbadener Staatsanwaltschaft hat sich für das Gespräch noch einmal die verschiedenen Stationen ausgedruckt, die dieser Fall seit dem 27. März 2003 durchlaufen hat. Ferse, seit zwei Jahren Sprecher der Staatsanwaltschaft und zuvor unter anderem Direktor des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, will genau sein, wenngleich er den Casus Duggan besser kennt als jeden anderen, muss er doch regelmäßig darüber Auskunft geben.

Vor allem rufen Journalisten aus Großbritannien an, denn auf der Insel verfolgen Zeitungen wie Independent und Guardian kontinuierlich die Bemühungen von Erica Duggan, den Tod ihres Sohnes neu untersuchen zu lassen.

Die Wiesbadener Behörde kommt in der Berichterstattung schlecht weg. Oberstaatsanwalt Ferse zieht die Verteidigungslinie eng. Die Quintessenz jenes 27. März 2003 sei: "Jeremiah Duggan läuft lebend in die Fahrbahn und ist anschließend tot." Hinweise auf "Fremdverschulden" habe es nicht gegeben. Also schloss Wiesbaden die Akten.

Man kann im Gespräch mit Ferse den Eindruck gewinnen, dass der Behörde das schnelle Wort vom "Selbstmord" nicht mehr so recht ist, wissend, welchen Schmerz es bei der Mutter auslöste, und wissend, dass die Ermittler ihrerseits auf den "Selbstmord" nur schlossen, ohne ihn beweisen zu können.

Warum Jeremiah Duggan morgens kurz nach 6 Uhr (MESZ) auf die Fahrbahn der Bundesstraßestraße 445 lief, auf der Autos mit etwa 100 km/h unterwegs waren, weiß auch Ferse nicht. Und er findet es "menschlich verständlich", dass der Mutter die Auskunft, Fremdverschulden liege nicht vor, nicht reicht.

Die Frage liegt ja nahe: Bringt sich ein junger englischer Student, der in Paris lebt, in Wiesbaden um, in dem er mit erhobenen Armen in den fließenden Verkehr läuft? Unwahrscheinlich. Was also hat dazu geführt, dass Duggan auf dem Autobahnzubringer von einem Auto angefahren und von einem anderen überrollt wurde?

Anwalt Becker möchte, dass diese Frage geklärt wird, "abseits aller Verschwörungstheorien verdient der Fall eine intensive Untersuchung". Menschen hätten ein Anspruch darauf, Todesumstände analysieren zu lassen. Darauf basiert seine Verfassungsbeschwerde, die in Karlsruhe vorliegt.

Sie ist die vorläufig letzte Etappe einer Reihe juristischer Entscheidungen, die sich im Schnelldurchlauf so lesen: Im Juni 2003 stellt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden die Ermittlungen ein. Im November 2003 legt der britische Untersuchungsrichter seinen Abschlussbericht vor: Jeremiah habe tödliche Verletzungen erlitten, als er auf die Fahrbahn rannte. Er habe sich dabei in einem Zustand panischer Angst befunden.

Im Februar 2005 beantragt Anwalt Becker die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Im März 2005 lehnt die Staatsanwaltschaft den Antrag ab. Im Mai 2005 lehnt der hessische Generalstaatsanwalt eine Beschwerde dagegen ab. Im Juli 2006 verwirft das Oberlandesgericht Frankfurt eine Beschwerde gegen diesen Bescheid.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts steht noch aus. Soweit die "deutsche" juristische Seite des Falles bis heute. Sie ist zwar eine Abfolge von Niederlagen für Jeremiahs Mutter, die trotzdem nicht locker lässt.

Die ehemalige Lehrerin Erica Duggan hat ein Zimmer ihres Hauses im Norden Londons als Ort der Recherche und der Erinnerung ausgestattet. Dort arbeitet sie, umgeben von Akten- und Ordnerbergen und Büchern, die sich vor allem mit dem LaRouche-Netzwerk beschäftigen. Duggan, ein großes Foto ihres Sohnes in Blicknähe, sitzt am Computer, formuliert Petitionen, schreibt Emails, forscht im Internet. Die Wahrheit über den Tod Jeremiahs herauszufinden, "ist ihr Lebensinhalt" geworden, sagt Anwalt Becker.

Mit Anschuldigungen hält sich Erica Duggan mittlerweile zurück. Sie will Jeremiahs jüdische Herkunft nicht in den Mittelpunkt stellen. Sie sagta nur, was sie vermutet, nämlich, dass Jeremiah damals auf dem Seminar des Schiller-Instituts mit seiner Offenbarung, er sei Jude, eine Gefahr für die LaRouche-Parteigänger in Wiesbaden darstellte. Der alte LaRouche selber hatte dort auf der Tagung einen Vortrag gehalten. "Ich glaube, dass die Gruppe Jeremiah als eine Sicherheitsbedrohung, als eine Art Spion sah. Vor allem aber glaube ich nicht, dass Jeremiah sich hat umbringen wollen."

Erica Duggan hat einen Verdacht, aber vor allem hat sie viele Fragen. Auf eigene Faust und mit eigenem Geld hat sie in den vergangenen vier Jahren recherchiert und auf einer Pressekonferenz in London neue Indizien vorgelegt. Wie kommt es, fragt die Mutter, dass auf dem Pass Jeremiahs sein Blut war, dem Pass, den eine Mitarbeiterin des Schiller-Instituts nach Jeremiahs Tod der Wiesbadener Polizei aushändigte? Im Auftrag Duggans haben unabhängige Pathologen und Kriminaltechniker die Fotos aus Deutschland vom Unfallort und der Leiche Jeremiah Duggans geprüft.

Die Experten kommen zu dem Ergebnis: An den Unfallautos finden sich weder Blut- noch Kleidungsspuren. Die Verletzungen an Jeremiahs Kopf und Armen seien typisch für jemand, der sich gegen Schläge wehrt; von einem Auto könnten diese Wunden nicht stammen.

Oberstaatsanwalt Ferse findet die Basis der Behauptungen "etwas dünn". Das Datenmaterial seien ausschließlich die von seiner Behörde den britischen Forensikern zur Verfügung gestellten Bilder. Im Detail aber kann Ferse zu den Thesen, die ja schweren Vorwürfen gleichkommen, nichts sagen. Der Wiesbadener Staatsanwaltschaft liegen die von Erica Duggan gesammelten Indizien, über die in Großbritannien ausführlich berichtet wird, nicht vor.

Mitte dieser Woche hat Erica Duggan ihre neuen Unterlagen an den Attorney General Lord Goldsmith übergeben, den höchsten Rechtsberater der britischen Regierung. Sie bittet ihn, sich, auch bei der Wiesbadener Staatsanwaltschaft, für eine neue Untersuchung der Todesumstände ihres Sohnes einzusetzen.

Einige Unterhaus-Abgeordnete unterstützen Duggan in diesem Vorgehen und wollen zum gleichen Zweck eine Parlamentsdebatte beantragen. "Es geht mir nicht darum, diese oder jene Behörde zu kritisieren", sagt Erica Duggan. Wenn in einer umfassenden Untersuchung festgestellt würde, ihr Sohn habe sich umgebracht, dann "werde ich das akzeptieren."

Die juristische Auseinandersetzung kann sich zwar noch länger hinziehen, ein Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingeschlossen. Aber vielleicht ist der neuerliche Vorstoß von Erica Duggan der letzte mit einem großen Widerhall in der Öffentlichkeit.

Sollte der Fall noch einmal aufgerollt werden, wird er für Erica Duggan nicht einem Schlussstrich enden. Ihr geht jener Morgen in ihrer Küche nicht aus dem Kopf, die Erinnerung an das letzte Lebenszeichen von Jeremiah, an den Anruf aus Wiesbaden um 4.24 Uhr. "Seine Stimme am Telefon klang ängstlich, er fühlte sich bedroht", wiederholt Erica Duggan, "er klang nicht wie jemand, der sterben wollte."




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Dokument erstellt am 15.05.2007 um 13:47:35 Uhr
Letzte Änderung am 15.05.2007 um 22:18:44 Uhr
Erscheinungsdatum 16.05.2007


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