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Hinter den Kulissen der Politsekte BüSo
Wie starb
Jeremiah Duggan?
Erica Duggan kämpft mit den
Tränen, als sie auf einer Pressekonferenz in Wiesbaden über die beiden
letzten Gespräche berichtet, die sie mit ihrem Sohn führen konnte. Gegen 5:30
Uhr am Morgen des 27. März 2003 hatte Jeremiah sie angerufen. In seiner
Stimme lag Panik: “Mum, I’m in deep, deep trouble.” Das Gespräch wurde
unterbrochen. 35 Minuten nach einem weiteren Gespräch, das erneut
unterbrochen wurde, gerade als Jeremiah seiner Mutter den Namen seines
Aufenthaltsortes buchstabieren wollte, war Jeremiah tot: überrollt von zwei
Autos auf einer Schnellstraße nahe Wiesbaden-Erbenheim. Für die deutsche Polizei war schnell klar: Der
22jährige britische Student, der gerade ein Auslandssemester in Paris absolvierte,
hatte sich umgebracht. Die Ermittlungen wurden eingestellt und die Leiche
freigegeben. Für Jeremiahs Eltern war das weniger eindeutig. Jeremiah führte
eine glückliche Beziehung und bei einem Telefongespräch noch 6 Tage vor dem
angeblichen Suizid war er, so Erica Duggan, „völlig normal”. Was war mit
Jeremiah in Wiesbaden passiert? Warum lief er gerade hier und mitten in der
Nacht auf eine befahrene Straße? Der Schlüssel, so glauben Erica und Hugo
Duggan, liegt bei den OrganisatorInnen eines Seminars, das Jeremiah in
Wiesbaden besuchte. Das
LaRouche-Netzwerk Jeremiah Duggan war politisch nicht besonders
interessiert. Im Frühjahr 2003 aber beteiligte er sich in Paris an Protesten
gegen den Irak-Krieg. Vor der Uni kaufte er sich die Zeitung “Nouvelle
Solidarité”, die zu diesem Zeitpunkt mit Texten gegen den Irak-Krieg
aufmachte. Er kam mit dem Verkäufer der Zeitung ins Gespräch, traf sich mit
ihm und führte politische Diskussionen. Kurz darauf berichtete er seiner
Mutter, dass sein neuer Freund die Antwort auf viele große Probleme in der
Welt habe. Und er berichtete von dessen politischer Gruppe, die er sich nun
näher anschauen wolle. Darum werde er ein Seminar in Deutschland besuchen.
Das Seminar in Bad Schwalbach bei Wiesbaden mit dem Titel „Conference To Stop
War With Eurasian Development Strategy“ wurde ausgerichtet vom
Schiller-Institut. Das Schiller-Institut ist Teil des internationalen
Netzwerkes des Amerikaners Lyndon LaRouche, dessen in Deutschland
bekanntester Teil die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) ist. Die
LaRouche-Organisation ist eine Politsekte, die von sich glaubt, das
„Patentrezept” zur Lösung aller Probleme zu haben. Die Gruppe ist vollkommen
auf ihren Führer Lyndon LaRouche ausgerichtet. Im Zentrum ihrer Ideologie
steht ein System von Verschwörungstheorien. Die BüSo und das
LaRouche-Netzwerk werden von vielen SektenexpertInnen als rechtsextrem und
antisemitisch bezeichnet. Private
Ermittlungen Nach dem letzten Gespräch mit Jeremiah hatte Erica
Duggan verzweifelt versucht, herauszufinden, was mit ihrem Sohn passiert war.
Sie hatte versucht, den Aufenthaltsort ihres Sohnes heraus zu bekommen, hatte
schließlich die Telefonnummer des Schiller-Institutes ermittelt und dort
angerufen. Aber auch Ortrun Kramer vom Schiller-Institut konnte oder wollte
ihr nicht mehr mitteilen, als dass das Schiller-Institut, „keine
Verantwortung für die Handlungen seiner Mitarbeiter” übernehme. Vom Tod ihres
Sohnes erfuhr sie wenige Stunden später durch Beamte der britischen Polizei.
Die dubiosen Umstände des angeblichen Suizids ließen den Duggans keine Ruhe.
Nachdem die Ermittlungen in Deutschland eingestellt worden waren, begannen
sie selbst zu ermitteln. Sie befragten ehemalige Mitglieder der
LaRouche-Organisation und erfuhren von den Methoden der Indoktrination und
Gehirnwäsche, die in der Organisation angewendet werden. Sie sprachen sie mit
TeilnehmerInnen des Seminars in Bad Schwalbach. Es stellte sich heraus, dass
Jeremiah vor allem durch zwei Umstände aufgefallen war: Er war Jude und er
hatte als Siebenjähriger eine Therapie in der Londoner Tavistock-Klinik
gemacht, weil sich seine Eltern getrennt hatten. Die Tavistock-Klinik ist
eine weltweit anerkannte Klinik, insbesondere im Bereich der Kinder- und
Familientherapie. Im Wahnsystem der LaRouche-Organisation spielt die Klinik
eine besondere Rolle: Sie sei durch “ihre radikalen Experimente im Bereich
der individuellen und Massenmanipulation bekannt” (BüSo-Website). Neben einem
für LaRouche typischen Ressentiment gegen Psychoanalyse und Psychotherapie
spricht aus dieser Einschätzung das verschwörungstheoretische Weltbild
LaRouches. Die Tavistock-Klinik und das von ehemaligen Angestellten der
Klinik gegründete Tavistock-Institut werden von LaRouche-Organisationen als
Anstalten bezeichnet, die vom “britischen Establishment” für Hirnwäsche bei
Kindern benutzt würden. Bisweilen wird auch behauptet, in der
Tavistock-Klinik würden Mörder herangezüchtet. Nachdem Jeremiah Duggan auf
dem Seminar in Bad Schwalbach sowohl sein Judentum ‚zugegeben‘ hatte, als auch
die Tatsache, dass er als Kind eine Therapie in der Tavistock-Klinik gemacht
hatte, wurde er nach Augenzeugenberichten von Mitarbeitern des
Schiller-Instituts „in die Mangel genommen”, so Duggan-Anwalt Nicolas Becker.
Offenbar wurde massiver psychischer Druck auf ihn ausgeübt. Massiver
psychischer Druck Jeremiahs letzte Telefonate und sein Tod fanden wenige
Tage nach dem Seminar statt. Bis heute ist nicht geklärt, was in der Zeit
zwischen Seminar und Unfall passiert ist. Man weiß nicht, von wo er die Telefonate
führte oder wie er vom Wiesbadener Rheingauviertel, wo er bei
LaRouche-AnhängerInnen untergekommen war, zum Unfallort gekommen ist. Unklar
ist, warum die Polizei den Reisepass von Jeremiah bei Ortrun Kramer abholen
musste, während die meisten anderen persönlichen Gegenstände an seinem
Schlafplatz gefunden wurden. Der Mantel, den er in den Tagen vor seinem Tod
getragen hatte, konnte bis heute nicht aufgefunden werden. Zudem erscheinen
die unmittelbaren Umstände zweifelhaft: Warum sollte Jeremiah mehrere
Kilometer laufen, um sich auf einer Schnellstraße vor einen PKW zu werfen,
wenn ihm wesentlich naheliegendere Möglichkeiten zum Suizid zur Verfügung
standen? Ohnehin ist es „extrem selten” (Becker), dass sich Selbstmörder vor
Autos schmeißen. Diese Unregelmäßigkeiten hinderten die Staatsanwaltschaft
Wiesbaden nicht daran, die Ermittlungen einzustellen. Jeremiahs Eltern
behaupten nicht, dass ihr Sohn von Mitgliedern des LaRouche-Netzwerks
ermordet wurde. Sie verlangen von den deutschen Behörden lediglich eine
ernstzunehmende Untersuchung. Und sie wollen junge Leute, die das wichtigste
Rekrutierungspotential der Sekte bilden, vor der BüSo und anderen
LaRouche-Organisationen warnen. Sebastian
Schneider |
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