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                                                              Ursprung des Artikels:  http://www.ruhr-uni-bochum.de/bsz/656/4.html

                   

                                                                                                Nr. 656 (13. April 2005)

 

Hinter den Kulissen der Politsekte BüSo

Wie starb Jeremiah Duggan?

Erica Duggan kämpft mit den Tränen, als sie auf einer Pressekonferenz in Wiesbaden über die beiden letzten Gespräche berichtet, die sie mit ihrem Sohn führen konnte. Gegen 5:30 Uhr am Morgen des 27. März 2003 hatte Jeremiah sie angerufen. In seiner Stimme lag Panik: “Mum, I’m in deep, deep trouble.” Das Gespräch wurde unterbrochen. 35 Minuten nach einem weiteren Gespräch, das erneut unterbrochen wurde, gerade als Jeremiah seiner Mutter den Namen seines Aufenthaltsortes buchstabieren wollte, war Jeremiah tot: überrollt von zwei Autos auf einer Schnellstraße nahe Wiesbaden-Erbenheim.

Für die deutsche Polizei war schnell klar: Der 22jährige britische Student, der gerade ein Auslandssemester in Paris absolvierte, hatte sich umgebracht. Die Ermittlungen wurden eingestellt und die Leiche freigegeben. Für Jeremiahs Eltern war das weniger eindeutig. Jeremiah führte eine glückliche Beziehung und bei einem Telefongespräch noch 6 Tage vor dem angeblichen Suizid war er, so Erica Duggan, „völlig normal”. Was war mit Jeremiah in Wiesbaden passiert? Warum lief er gerade hier und mitten in der Nacht auf eine befahrene Straße? Der Schlüssel, so glauben Erica und Hugo Duggan, liegt bei den OrganisatorInnen eines Seminars, das Jeremiah in Wiesbaden besuchte.

Das LaRouche-Netzwerk

Jeremiah Duggan war politisch nicht besonders interessiert. Im Frühjahr 2003 aber beteiligte er sich in Paris an Protesten gegen den Irak-Krieg. Vor der Uni kaufte er sich die Zeitung “Nouvelle Solidarité”, die zu diesem Zeitpunkt mit Texten gegen den Irak-Krieg aufmachte. Er kam mit dem Verkäufer der Zeitung ins Gespräch, traf sich mit ihm und führte politische Diskussionen. Kurz darauf berichtete er seiner Mutter, dass sein neuer Freund die Antwort auf viele große Probleme in der Welt habe. Und er berichtete von dessen politischer Gruppe, die er sich nun näher anschauen wolle. Darum werde er ein Seminar in Deutschland besuchen. Das Seminar in Bad Schwalbach bei Wiesbaden mit dem Titel „Conference To Stop War With Eurasian Development Strategy“ wurde ausgerichtet vom Schiller-Institut. Das Schiller-Institut ist Teil des internationalen Netzwerkes des Amerikaners Lyndon LaRouche, dessen in Deutschland bekanntester Teil die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) ist. Die LaRouche-Organisation ist eine Politsekte, die von sich glaubt, das „Patentrezept” zur Lösung aller Probleme zu haben. Die Gruppe ist vollkommen auf ihren Führer Lyndon LaRouche ausgerichtet. Im Zentrum ihrer Ideologie steht ein System von Verschwörungstheorien. Die BüSo und das LaRouche-Netzwerk werden von vielen SektenexpertInnen als rechtsextrem und antisemitisch bezeichnet.

Private Ermittlungen

Nach dem letzten Gespräch mit Jeremiah hatte Erica Duggan verzweifelt versucht, herauszufinden, was mit ihrem Sohn passiert war. Sie hatte versucht, den Aufenthaltsort ihres Sohnes heraus zu bekommen, hatte schließlich die Telefonnummer des Schiller-Institutes ermittelt und dort angerufen. Aber auch Ortrun Kramer vom Schiller-Institut konnte oder wollte ihr nicht mehr mitteilen, als dass das Schiller-Institut, „keine Verantwortung für die Handlungen seiner Mitarbeiter” übernehme. Vom Tod ihres Sohnes erfuhr sie wenige Stunden später durch Beamte der britischen Polizei. Die dubiosen Umstände des angeblichen Suizids ließen den Duggans keine Ruhe. Nachdem die Ermittlungen in Deutschland eingestellt worden waren, begannen sie selbst zu ermitteln. Sie befragten ehemalige Mitglieder der LaRouche-Organisation und erfuhren von den Methoden der Indoktrination und Gehirnwäsche, die in der Organisation angewendet werden. Sie sprachen sie mit TeilnehmerInnen des Seminars in Bad Schwalbach. Es stellte sich heraus, dass Jeremiah vor allem durch zwei Umstände aufgefallen war: Er war Jude und er hatte als Siebenjähriger eine Therapie in der Londoner Tavistock-Klinik gemacht, weil sich seine Eltern getrennt hatten. Die Tavistock-Klinik ist eine weltweit anerkannte Klinik, insbesondere im Bereich der Kinder- und Familientherapie. Im Wahnsystem der LaRouche-Organisation spielt die Klinik eine besondere Rolle: Sie sei durch “ihre radikalen Experimente im Bereich der individuellen und Massenmanipulation bekannt” (BüSo-Website). Neben einem für LaRouche typischen Ressentiment gegen Psychoanalyse und Psychotherapie spricht aus dieser Einschätzung das verschwörungstheoretische Weltbild LaRouches. Die Tavistock-Klinik und das von ehemaligen Angestellten der Klinik gegründete Tavistock-Institut werden von LaRouche-Organisationen als Anstalten bezeichnet, die vom “britischen Establishment” für Hirnwäsche bei Kindern benutzt würden. Bisweilen wird auch behauptet, in der Tavistock-Klinik würden Mörder herangezüchtet. Nachdem Jeremiah Duggan auf dem Seminar in Bad Schwalbach sowohl sein Judentum ‚zugegeben‘ hatte, als auch die Tatsache, dass er als Kind eine Therapie in der Tavistock-Klinik gemacht hatte, wurde er nach Augenzeugenberichten von Mitarbeitern des Schiller-Instituts „in die Mangel genommen”, so Duggan-Anwalt Nicolas Becker. Offenbar wurde massiver psychischer Druck auf ihn ausgeübt.

Massiver psychischer Druck

Jeremiahs letzte Telefonate und sein Tod fanden wenige Tage nach dem Seminar statt. Bis heute ist nicht geklärt, was in der Zeit zwischen Seminar und Unfall passiert ist. Man weiß nicht, von wo er die Telefonate führte oder wie er vom Wiesbadener Rheingauviertel, wo er bei LaRouche-AnhängerInnen untergekommen war, zum Unfallort gekommen ist. Unklar ist, warum die Polizei den Reisepass von Jeremiah bei Ortrun Kramer abholen musste, während die meisten anderen persönlichen Gegenstände an seinem Schlafplatz gefunden wurden. Der Mantel, den er in den Tagen vor seinem Tod getragen hatte, konnte bis heute nicht aufgefunden werden. Zudem erscheinen die unmittelbaren Umstände zweifelhaft: Warum sollte Jeremiah mehrere Kilometer laufen, um sich auf einer Schnellstraße vor einen PKW zu werfen, wenn ihm wesentlich naheliegendere Möglichkeiten zum Suizid zur Verfügung standen? Ohnehin ist es „extrem selten” (Becker), dass sich Selbstmörder vor Autos schmeißen. Diese Unregelmäßigkeiten hinderten die Staatsanwaltschaft Wiesbaden nicht daran, die Ermittlungen einzustellen. Jeremiahs Eltern behaupten nicht, dass ihr Sohn von Mitgliedern des LaRouche-Netzwerks ermordet wurde. Sie verlangen von den deutschen Behörden lediglich eine ernstzunehmende Untersuchung. Und sie wollen junge Leute, die das wichtigste Rekrutierungspotential der Sekte bilden, vor der BüSo und anderen LaRouche-Organisationen warnen.

Sebastian Schneider