Hessischer Rundfunk  (ARD)  Fernsehen sendung von Peter Gerhad:

im Hessischem Fernseher un 21:45  25 November 2003

 

 

Jeremiah Duggan

Dienstag am 25.11.2003

Autor: Peter Gerhardt

Kamera: Gunder Stegner

Schnitt: Lars Kästner

 

0:01 (Friedhof)

Auf dem Londoner Highgate Friedhof trauern Erica und Hugo Duggan um ihren Sohn. Jeremiah soll sich am 27. März in Deutschland selbst getötet haben. Sie glauben es nicht, denn da gab es diesen letzten, verzweifelten Anruf von ihm:

 

0:16    O-Ton Erica Duggan

„Er sprach sehr leise und es klang als wollte er nicht, dass jemand mithört. Er sagte, dass er große Angst habe und dann brach das Gespräch ab. Kurz danach klingelte das Telefon erneut. Und er sagte noch einmal, dass er Angst habe. An seiner Stimme konnte ich hören, dass sein Leben in Gefahr war. Ich fragte ihn: Wo bist Du? Und er sagte: Wiesbaden. Ich fragte: Wie schreibt man das? Und er antwortete: W – I – E – S .... und dann brach das Gespräch ab.“

 

1:01 (Straße, Autos)

Minuten später war Jerry Duggan tot. Überfahren auf der Berliner Straße in Wiesbaden, und der Fahrer bezeugt: Der Junge lief mutwillig vors Auto. Eindeutig Selbstmord, sagt der Staatsanwalt.

 

1:13    O-Ton Rainer Arlet, Staatsanwaltschaft Wiesbaden

„Hier haben wir den Sachverhalt, dass wir klar sehen, er ist ganz allein auf der Straße ruhig zunächst und wirft sich dann durch sein eigenes Verhalten auf die Straße. Hier ist überhaupt keine konkrete Mitwirkung durch andere Personen auch nur zu ahnen.“

 

1:33 (Straße, Foto, Paris)

Einen Tag nach dem Unfall waren Jemmy‘s Eltern bereits in Wiesbaden und berichteten der Polizei von dem panischen Anruf. Doch die Leichensache Duggan wurde zu den Akten gelegt.

Aber auch Jerry’s Freundin Maya bezweifelt, dass er freiwillig starb. Die beiden lebten und studierten zusammen in Paris. Damals im März wollte Jerry unbedingt etwas tun gegen den Krieg im Irak. Maya erzählt, dass eine dubiose Politgruppe Jerry zu konkreten Aktionen einlud.  Maya war beunruhigt und folgte ihm damals zum Treffpunkt.

 

2:02    O-Ton Maya, Freundin

„Als sie wegfuhren, wollte ich von den Leuten Auskunft darüber, wo sie hinfahren. Denn an dem Morgen wusste Jerry selbst noch nicht, dass sie nach Wiesbaden fahren würden. Ich wollte unbedingt eine Adresse oder Telefonnummer haben, wo ich ihn erreichen könnte. Sie gaben sie mir, aber es hatte den Anschein, als würde es sie sehr stören.“

 

2:25 (Stadthalle Schwalbach, Fotos LaRouche, Antext Lorscheid)

Über die letzten Tage im Leben Jerry Duggans ist nur bekannt,  dass er an einer Tagung des Schiller-Institutes hier in Bad Schwalbach teilnahm. Das Schiller-Institut ist alles andere als eine humanistische Organisation, es ist eine Unterorganisation der weltweiten Politsekte von Lyndon LaRouche. Der amerikanische Rechtsextremist gilt als Antisemit, saß als betrüger im Gefängnis. Seine Anhänger macht er glauben, dass nur einer die Welt retten könne – LaRouche selbst als Führer der Jugend.

Dass die LaRouche Organisation alles andere als harmlos ist, hat der Bonner Journalist Helmut Lorscheid in seinem Buch „Deckname Schiller“ beschrieben. Mitglieder werden systematisch gefügig gemacht.

 

3:01    O-Ton Helmut Lorscheid, Journalist

„Bei LaRouche gab es nur ein für uns oder gegen uns. Was bedeutet, dass die sozialen Kontakte sich nach einer gewissen Zeit sich auf LaRouche und das LaRouche-Umfeld reduzierten. Die Mitglieder wurden angehalten Berufe aufzugeben, Erspartes einzubringen, weiter Geld zu requirieren, so dass sie teilweise beim Ausscheiden – so wurde es uns erzählt – relativ hoch verschuldet waren und ohne berufliche Perspektive dastanden.“

 

3:45 (Foto, Coroner’s Court)

Ein ganz normaler junger Mann kommt in Kontakt mit einer Sekte und nimmt sich wenig später das Leben. Ein Londoner Untersuchungsrichter sah sich die Wiesbadener Akten und auch die Leiche noch einmal an.  Jackie Turner, die Anwältin der Eltern war bei seinem mündlichen Urteil dabei.

 

4:03    O-Ton Jackie Turner, Anwältin der Eltern

„Der Untersuchungsrichter hat die Annahme der deutschen Behörden, dass es Selbstmord aus freien Stücken gewesen sei, klar zurückgewiesen. Er sagte sehr deutlich, dass es für einen solchen Selbstmord überhaupt keinen Beweis gebe. Und in seinem Urteil hob er hervor, dass Jeremiah sich in größter Angst und Panik befunden habe.“

 

4:25    O-Ton Erica Duggan, Mutter

„Wenn er im Zustand größter Angst und Panik war, was hat ihn in diesen Zustand versetzt? Man wacht doch nicht einfach morgens auf und ist in einem solchen Zustand. Die Antwort auf diese Frage ist die Antwort auf seinen Tod. Wenn er umkam, weil er terrorisiert wurde, dann ist das für mich ganz klar Totschlag, das ist ein Verbrechen.“

 

4:46            (Straße, Antext Kreuzer)

Doch die Gründe, warum Jerry in Wiesbaden in den Tod rannte, interessieren die deutsche Staatsanwaltschaft überhaupt nicht. Bedrohung hin oder her. Selbstmord sei Selbstmord, keine weiteren Ermittlungen möglich.

Wir legen den Fall dem Gießener Kriminologen Arthur Kreuzer vor. Er teilt diese Rechtsauffassung der Staatsanwaltschaft nicht.

 

5:07    Prof. Arthur Kreuzer, Uni Gießen (beginnt im off, im Bild bei 5:04)

„Fremdverschulden ist nicht auszuschließen, wenn irgendein Hinweis gegeben wird darüber, dass irgendjemand noch in Betracht kommt, der mitverantwortlich sein könnte für den Selbstmord oder wenn sonst Zweifel geäußert werden an einem tatsächlichem Selbstmord. Zweifel sind hier ja geäußert worden von der Mutter und der Freundin. Und es hat weitere Anhaltspunkte dafür gegeben, dass Fremdverschulden in irgendeiner Weise nicht von vorneherein auszuschließen ist. Das reicht eigentlich für weitere Maßnahmen für Obduktion, Zeugenvernehmung und dergleichen.“

 

5:46 (Maya guckt Fotos)

Hätte die Wiesbadener Polizei nicht nur die beteiligten Autofahrer vernommen, sondern sich auch in den Kreisen des Schiller-Institutes umgehört, hätte sie erfahren können, was Maya uns erzählt. Nach der Tagung in Bad Schwalbach nahm Jerry noch an einer sogenannten Kaderschulung der Larouche-Bewegung teil. Aus ihm sollte ein treuer Anhänger LaRouches werden.

 

6:06    O-Ton Maya,  Freundin (fängt im off an, im on bei 7:02)

„Er hat mir gesagt, ich muss unbedingt noch bleiben, ich habe Dinge erfahren, die sehr bedeutend sind, sehr sehr wichtig. Und ich wollte natürlich wissen, was das ist, aber er sagte, er könne nicht darüber reden. Er war sehr geheimnisvoll.“

 

6:29 (Bilder La Rouche)

Die LaRouche-Leute unterbinden jeden Kontakt zu Teilnehmern der Schulung. Jerry`s Mutter gelingt es lediglich, einen Referenten ausfindig zu machen. Von ihm erfährt sie, dass ein Redner dort alle Juden für den Krieg im Irak verantwortlich machte. Aber Jerry, der Kriegsgegner, war auch Jude. Und das sagte er laut auf dieser Kaderschulung – ein Bekenntnis, dass man bei LaRouche nicht gern hört.

 

6:49    O-Ton Erica Duggan, Mutter

„Wenn mein Sohn in so einer Situation aufgestanden ist und gesagt hat, er sei Jude, dann muss er sehr wütend gewesen sein, denn damit er sowas sagt, muss es einen sehr guten Grund gegeben haben. Ich habe nie erlebt, dass er sein Judentum so nach außen getragen hätte. Und deshalb muss es einen sehr guten Grund dafür gegeben haben. Diese ganze Situation muss ihn völlig verstört haben.“

 

7:15            (Internet Schiller, Selbsthilfegruppe)

Wir haben mehrfach versucht, mit Mitarbeitern des Schiller-Institutes zu sprechen, doch niemand war zu einer Stellungnahme bereit. Mehr Aufklärung über die Arbeitsweise der LaRouche-Organisation ergibt eine weltweite Netzrecherche. Aussteiger in Australien berichten von Kaderschulungen mit Psychositzungen, massiven Drohungen und Versuchen, Familien zu zerstören.

 

 

7:35    O-Ton Helmut Lorscheid, Journalist

„Um es mal ganz platt zu formulieren: ich glaube, dass die LaRouche Leute in der Lage sind, einen psychisch ganz schön fertig zu machen.“

 

7:43 (Fotos Jerry)

Was Jeremiah vor seinem Tod erlebte, bleibt im Dunkeln. Die deutschen Behörden wollen den Fall nicht wieder aufnehmen und beim Schiller-Institut von Lyndon LaRouche stoßen die Eltern auf eine Mauer des Schweigens.

 

 

7:57    O-Ton Erica Duggan, Mutter

„Das schlimmste für unsere ganze Familie ist, dass wir nicht wissen, was mit ihm geschehen ist. Das ist das schlimmste und das hört nicht auf, keinen von uns lässt das ruhen. Wir wissen nicht, was er durchgemacht hat. Wir wissen aber, da waren 300 Menschen auf dieser Konferenz. All diese jungen Leute sind dahin gegangen im Glauben, sie könnten die Welt verbessern. Die sind doch so jung. Und wir wissen, fünfzig sind noch zu dieser Kaderschulung geblieben. Da muss es Leute geben, die mit meinem Sohn gesprochen haben, aber ich habe noch von keinem auch nur ein Wort gehört.“

 

8:44 (Friedhofsaufzieher)