Jerry
Duggans Tod beschäftigt weiter die Justiz
Im
Frühjahr 2003 wird der junge Engländer überfahren, jetzt bemüht die
Mutter das Bundesverfassungsgericht
Zeitungsseite aus dem "Independent"
vom August 2003: Die britischen Medien berichten in großer
Aufmachung vom Tod Jerry Duggans in Wiesbaden.
Jerry Duggan
Vom
07.11.2006
ddp / wis. Am 27. März 2003 in aller Frühe klingelt bei Erica
Duggan in London das Telefon. Ihr Sohn Jeremiah, derzeit gerade in
Wiesbaden, bittet aufgeregt um Hilfe, er sei in Schwierigkeiten.
Eine halbe Stunde später ist Jerry tot, überfahren auf der Berliner
Straße. Selbstmord, sagen die Behörden, doch Jerrys Mutter glaubt
das nicht, sie bemüht die Gerichte.
Der Tod des 22-jährigen Engländers, der im Morgengrauen
auf der Berliner Straße von einem Auto erfasst wird, ist für die
Wiesbadener Behörden ein trauriger, aber kein spektakulärer Fall.
Der junge Mann soll entlang der Schnellstraße gelaufen und dann
plötzlich vor ein Auto gesprungen sein. Selbstmord - zu dieser
Überzeugung kommt die Polizei, auch die Staatsanwaltschaft sieht
keinen Grund, weitergehend zu ermitteln.
Doch Erica Duggan, die Mutter des 22-Jährigen, der als sehr
lebensfroh beschrieben wird, gibt sich damit nicht zufrieden. Jerry
sei in den Tod getrieben worden, vermutlich von Mitgliedern einer
rechtsgerichteten, antisemitischen Sekte aus den USA. "Ich habe
große Sorgen. Ich will hier raus. Das ist zu viel für mich. Ich kann
das nicht tun", soll Jerry zu seiner Mutter gesagt haben, als er sie
an seinem Todestag um 4.30 Uhr anrief. Nein, Erica Duggan glaubt
nicht an Selbstmord, sie nimmt sich einen Anwalt. In einer
Pressekonferenz in Wiesbaden fordert sie im Frühjahr 2005, zwei
Jahre nach Jerrys Tod, die Staatsanwaltschaft auf, zu ermitteln. Der
entsprechende Antrag ihres Anwalts umfasst 100 Seiten. Die
Staatsanwaltschaft prüft - und lehnt ab. Es gebe keine Hinweise,
dass Dritte schuld am Tod des jungen Engländers hätten. Nun schaltet
Erica Duggan das Bundesverfassungsgericht ein, ihre Anwälte haben in
Karlsruhe Verfassungsbeschwerde eingelegt.
In England mobilisiert Erica Duggan die Presse, die BBC greift
den Fall auf, Zeitungen wie der "Independent" und der "Guardian"
berichten in großer Aufmachung von der vermeintlichen Hetzjagd, die
den Juden Jerry Duggan auf einer deutschen Straße in den Tod treibt.
Jerry Duggan studierte in Paris und engagierte sich gegen den damals
drohenden Irak-Krieg. Ein Kommilitone lud ihn ein, zu einer
Anti-Kriegsveranstaltung des Schiller-Instituts nach Wiesbaden
mitzukommen. Nach der Konferenz in Bad Schwalbach übernachtet Duggan
bei Teilnehmern der Veranstaltung im Rheingauviertel. Eine halbe
Stunde nach dem abgebrochenen Telefonat wird der 22-Jährige auf der
fünf Kilometer entfernten Bundesstraße von einem Auto überfahren.
Autofahrer berichteten, der junge Mann sei aufgeregt auf die Straße
gerannt. Erica Duggan versucht zunächst die letzten Tage ihres
Sohnes zu rekonstruieren und stolpert über das Schiller-Institut: Es
handelt sich dabei um einen Ableger des so genannten
LaRouche-Kultes.
Namensgeber ist der US-Amerikaner Lyndon LaRouche. Der 84-Jährige
trat schon als unabhängiger Präsidentschaftskandidat an und gilt als
rechts. Seine Frau, Helga-Zepp-LaRouche ist in Wiesbaden gemeldet.
Ingo Heinemann vom AGPF, einem Dachverband für Sektenberatung, hält
den LaRouche-Kult für "gefährlich", weil er seine Anhänger mit
Methoden zu beeinflussen versuche, die an "Gehirnwäsche" erinnerten.
Heinemanns Organisation hatte die Strafanzeige der Mutter seinerzeit
unterstützt: "Es ist überhaupt nicht ermittelt worden, und die
Polizei kam zu völlig vorschnellen Behauptungen." So habe die
Polizei einer Funktionärin des LaRouche-Kultes Glauben geschenkt,
wonach das Opfer unter psychischen Problemen gelitten habe.
Heinemann bemängelt auch, dass keiner der Angehörigen des
Schiller-Instituts zu den Vorfällen in jener Nacht befragt worden
sei. Oberstaatsanwalt Hartmut Ferse, Sprecher der zuständigen
Wiesbadener Staatsanwaltschaft, kann die Aufregung überhaupt nicht
verstehen: "Es gibt nicht die geringsten Anhaltspunkte für ein
Fremdverschulden." Daher sei eine Befragung, was sich im Vorfeld des
mutmaßlichen Unfalls abgespielt habe, nicht notwendig. "Wir
betreiben keine Motivforschung für einen Selbstmord", so Ferse.
Der von der Mutter mit der Verfassungsbeschwerde beauftragte
Rechtsanwalt Hans-Eberhard Schultz könnte sich vorstellen, dass der
22-Jährige in der fraglichen Nacht auf der Flucht vor Verfolgern vor
ein Auto gerannt sei. Duggan war jüdischen Glaubens. "Vielleicht
haben die LaRouche-Leute das herausbekommen, dann war er sicherlich
in Schwierigkeiten, denn die Sekte gilt als antisemitisch", mutmaßt
Schultz.
"Das schockt mich am meisten, dass eine antisemitische
Vereinigung in Deutschland ungestört agieren und junge Leute
rekrutieren darf", sagt Erica Duggan, die in einer Pressekonferenz
in Berlin am 10. November - dem Tag an dem ihr Sohn 26 Jahre alt
geworden wäre, "Beweismaterial" für den Antisemitismus des
LaRouche-Kultes vorlegen will.
Unabhängig davon hat Rechtsanwalt Schultz Verfassungsbeschwerde
eingereicht, weil das Oberlandesgericht Frankfurt ein
Klageerzwingungsverfahren abgelehnt hatte. Ganz große Hoffnungen
macht sich Rechtsanwalt Schultz nicht, dass der Klage stattgegeben
wird. Dann will der Menschenrechtsexperte vor dem Europäischen
Gerichtshof in Straßburg klagen, wo er größere Chancen sieht. Der
Tod des Jerry Duggan wird die Justiz noch eine Weile beschäftigen.