Wie Jerry Duggan versuchte,
sich das Leben zu nehmen
Vom
13.11.2003
Wiesbaden. (cc) Nach den Angriffen
britischer Medien auf die Arbeit der Wiesbadener Polizei in
Zusammenhang mit dem Tod des Studenten Jerry Duggan auf der Berliner
Straße hat sich beim Kurier ein Zeuge gemeldet, der die Ermittlungen
der Staatsanwaltschaft bestätigt. "Das war Selbstmord", sagt Peter
Steudter, 53 Jahre alter technischer Angestellter bei den
Stadtwerken (ESWE). Er schildert, wie er am 27. März zwischen 6.05
und 6.10 Uhr auf der Berliner Straße Richtung Stadtmitte gefahren
war. Entlang der Leitplanke der Schnellstraße war ein Mann in
normalem Tempo gegangen. Offensichtlich handelte es sich um Jerry
Duggan. "Er wirkte nicht gehetzt. Ich dachte, das ist ein
Spätheimkehrer". Dann aber sei er "wie aus der Pistole geschossen"
vor Steudters Auto gesprungen, die Arme hochgereckt. Der 53-Jährige
konnte in letzter Sekunde ausweichen, glaubt aber, sein Wagen habe
den Körper des jungen Mannes gestreift. "Mir ist das Herz in die
Hose gerutscht. Wäre ich unaufmerksam gewesen, hätte ich ihn
überfahren".
Steudter hatte kurze Zeit später die Polizei in Bierstadt
angerufen. Dort erfuhr er, dass der Mann offenbar versucht hat, auch
vor andere Autos zu springen. "Sie sind nicht der erste, der deshalb
anruft", hatte der Polizist am Telefon gesagt. Und weiter: Der junge
Mann sei zwischenzeitlich von einem Wagen überfahren worden und zu
Tode gekommen.
Steudter war von der Polizei nicht als Zeuge vernommen worden. Er
wundert sich nun, dass es nach der Tragödie auf der Berliner Straße
keine Autopsie der Leiche gegeben hatte, dass es nicht einmal zur
Entnahme einer Blutprobe gekommen war.
Aber die Polizei war schon kurz nach dem Vorfall überzeugt davon,
dass bei Duggans Tod ein Fremdverschulden auszuschließen ist. Und
selbst wenn der 22-Jährige unter Drogeneinfluss gestanden hätte, sei
nicht zwangsläufig von einer strafrechtlich relevanten Kausalität
auszugehen, so Oberstaatsanwalt Dieter Arlet. Vielmehr müsse
jemandem konkret nachgewiesen werden, dass er den Tod des Studenten
verursacht habe.
Wie berichtet, hatte in der vergangenen Woche das Urteil eines
Londoner Ermittlungsrichters in Großbritannien zu einem breiten
Pressecho geführt. Der Coroner, der den Tod Jerry Duggans
untersuchte, hatte Zweifel an der von der Wiesbadener
Staatsanwaltschaft vertretenen Selbstmord-Version geäußert.
Derartige Rückschlüsse bezeichnete er in öffentlicher Verhandlung
als "sehr gewagt", teilten Prozessbeobachter gestern dem Kurier mit,
die mit dieser Darstellung die Berichte der britischen Presse
untermauern. Die sieht den Tod Duggans vielfach in Zusammenhang mit
einer Tagung des Schiller-Institutes, an der der Student
teilgenommen hatte, und das die britischen Medien als rechtsradikal
und antisemitisch schildern.
Oberstaatsanwalt Arlet spricht nun von Irritationen zwischen dem
britischen Coroner und der deutschen Polizei, die er auf
"unterschiedliche Begriffsbestimmungen von Suizid" zurückführt.
Anders als in Deutschland kenne man in Großbritannien Suizid nur als
willentliche Handlung, sich zu Tode zu bringen. Der Coroner habe mit
seinem Urteil offenbar zum Ausdruck bringen wollen, dass sich Jerry
Duggan nicht willentlich habe töten wollen, sondern im Zustand
größter Angst vor das Auto gelaufen war. Weil dennoch kein
Fremdverschulden vorliege, erkenne die deutsche Justiz darin im
weiteren Sinne einen Suizid - die Briten offenkundig nicht.